Montag, 14. Dezember 2015

Ankunft

Ich liebe nicht nur Romantikthriller, sondern auch stimmungsvolle Gebäude als Schauplätze.
Leider kann ich nicht malen, darum muss ich mit Worten zeichnen.
Hier mal der Beginn vom ersten Kapitel des Romans, an dem ich gerade schreibe.
Viel Spaß beim Lesen. (Der Text ist noch vorläufig, da wird sich bestimmt noch das eine oder andere Detail ändern.)


Das Grandhotel Stella Maris sei von der Strandstraße aus über einen befahrbaren Weg zu erreichen, hatte man mir gesagt. Den solle ich nehmen. Darum lief ich nicht bis zum Ende der Promenade bei den Klippen, sondern stoppte dort, wo die Strandstraße an der Promenade endete. Einen innigen Moment lang sah ich noch einmal aufs Meer hinaus, weil ich mich von dem Anblick schwer trennen konnte. Die kabbelige See war von undefinierbarem Graublau, eher düster und drohend, obwohl der Himmel in meinem Lieblingsblau strahlte. Doch just vor die Sonne hatte sich eine Wolke geschoben, Vorhut einer tiefgrauen Bank, die diesem Februartag noch früher ein Ende bereiten würde.
Fröstelnd wandte ich mich ab und ließ mich vom Westwind in die Strandstraße schubsen, die in rechtem Winkel auf die Promenade traf. Hier reihte sich Villa an Villa, hohe Kästen mit steilen Dächern, zahllosen Erkern, klappernden, geschlossenen Fensterläden und sich vor den Böen duckendem Gesträuch in den Gärtchen. Sämtliche Villen schienen unbewohnt zu sein. Das Leben würde erst mit den langen Tagen zurückkehren, wenn die Familien und Freunde der Oligarchen ihre Sommerfrischen bezogen, um dem ungesunden Klima der Hauptstadt zu entfliehen.
Auf der linken Straßenseite erhob sich ein besonders großes Gebäude mit einer langen Veranda, das in frischem Weiß glänzte, als wäre es jüngst gestrichen worden. Im Sommer öffneten ein paar kleine Läden darin ihre Pforten, jetzt wirkte alles tot. Ich wurde vom Wind daran vorbeigeschoben und hätte ich einen Schirm aufgespannt, wäre ich in einer plötzlichen Böe womöglich abgehoben. Mein Mantel verhedderte sich zwischen den Beinen, sodass ich ins Stolpern geriet.
Schnell rettete ich mich in den Windschutz der Veranda, um meine Kleidung zu ordnen. Ich wollte nicht wie ein zerzaustes Waisenkind vorsprechen. Mein Mantel war neu und von guter Qualität, auch wenn mir seine Farben zu hell erschienen. Darin würde ich ständig Acht geben müssen, sonst sah er bald schmuddelig aus, und Geld für noch einen Mantel dieser Jutequalität besaß ich nicht.
Ärgerlich schüttelte ich die wadenlangen Schöße zurecht. Was hielt ich mich mit dem blöden Mantel auf, das war bloß ein Vorwand, weil ich mich fürchtete. Am liebsten wäre ich zur Promenade zurückgelaufen, wäre runter an den Strand gestiegen, hätte die Schaumflocken gefangen … „Reiß dich zusammen!“, mahnte ich mich. Dann schritt ich zügig aus.
Gleich hinter dem Haus mit den Läden war die Zufahrt zum Stella Maris. Jenseits davon begann eine Reihe Giebelhäuschen, die den Villenbewohnern gegenüber womöglich ein Dorn im Auge waren. Oligarchen hielten sich lieber fern vom Volk.
Erneut mahnte ich mich, meine Gedanken zu sammeln. Wenn ich in dieser Verfassung vorsprach, konnte ich mich ebensogut im Meer ersäufen.
Ich schwenkte in die Auffahrt ein, geriet in den Windschatten, zur Linken das Ladengebäude, dahinter ein netter Garten, in dem man wohl während des Sommers Eis essen konnte. Zur Rechten öffnete sich ein Bereich mit hölzernen Schuppen, die dringend einen neuen Anstrich benötigten. Dann gelangte ich zu zwei mannshohen Ziegelsteinpfosten, die die eigentliche Hotelzufahrt markierten. Als ich hindurchschritt, meinte ich, ab jetzt gebe es kein Zurück mehr.
Plötzlich tauchte die Sonne hinter den Wolken hervor. Wie ein gutes Omen wies sie mir den Weg, der einen flachen Hang hinaufführte. Er war nicht geteert, aber gut gepflegt, sodass keine tiefen Rinnen im sandigen Grant störten, lediglich ein paar Eispfützen schimmerten in der Frostluft. Beidseitig wuchs winterlich braunes Gras, aber zur See hin erstreckte sich ein Park mit schönem, teils immergrünem Baumbestand. Die Wipfel wiegten sich im Wind, dazwischen sah ich das Meer, und die Sonne tat ihr Bestes, um mir ein begeistertes „Ah“ zu entlocken. Wie schön es hier sein konnte, das hatte ich vorher nicht bedacht.
Die Landseite wurde von einem großen, freien Bereich eingenommen, der mit einem Hauch von Schneekristallen überzuckert war, dahinter standen verschiedene Gebäude vor bewaldeten Randdünen, sodass ich nicht sehr weit schauen konnte. Das war mir egal, denn jetzt drängte sich das Grandhotel in mein Blickfeld. Bezwingend. Ich hatte es mir nicht so imposant vorgestellt, auch wenn ich wusste, dass es das bedeutendste Hotel von Margelan war – nur war Margelan seit dem Handelsembargo der Nordländer zu einem Provinznest herabgesunken. Die alten Handelswege waren allenfalls noch für Schmuggler interessant.
Das Stella Maris glich einem Schloss. Es erhob sich siegreich auf der Kuppe des Hügels, und je näher ich kam, umso mächtiger wirkte es. Sicherlich lag das auch an seiner erhöhten Position, nicht nur an der schieren Größe. Im Licht der tiefstehenden Sonne leuchtete der Backstein umso intensiver, ein unvergleichliches Rot, das Glücksgefühle in mir auslöste. Sie wurden durchzogen von einem Unbehagen, das mit jedem Schritt, den ich auf die rote Wand zuging, wuchs.
Die Wand hatte Augen – Fenster, bodentiefe im Hochparterre, teils zu einer Terrasse führend, im Mezzaningeschoss darüber waren sie kreisrund, in der Beletage, die das zweite volle Geschoss bildete, rechteckig mit balustergeschmückten Balkonen, auch der vierte Stock, der wieder niedrigere Decken zu besitzen schien, hatte runde Fenster und beherbergte wohl keine Repräsentationsräumlichkeiten, aber die unheimlichsten Augen blickten mich aus der spatelförmigen Dachetage an, halbrunde Schlafzimmeraugen, die mit regelmäßig angeordneten Mansarden aus dem Schiefergrau hervorquollen wie die Stielaugen eines gigantischen Insekts. Sofort war ich überzeugt, dass ich aus mindestens einem dieser Augen beobachtet wurde, und geriet ins Straucheln. Ich musste anhalten, um mich zu sammeln.
Die beiden Ecken des Hotels wurden von Türmen aus Sandstein eingenommen, der in allen Nuancen von Elfenbeinweiß über Blassgelb bis zu Ockertönen schimmerte. Der Seeseitige wirkte wie von einer grandiosen Feuerzunge in diesen Cremefarben geflammt, während der andere, zwar ebenso hoch, aber viel schmaler, an eine Holzsäule erinnerte.
Die seltsamen Ockerflammen auf dem Westturm erschienen mir sofort nachvollziehbar, als mich eine Böe traf, die durch den Park geschlüpft war und mich beutelte. Salzgeschmack legte sich auf meine Lippen, darum dachte ich, dass dieser Turm von Meer und Sturm gezeichnet worden war. Faserige Wolkenschlieren zogen darüber hinweg, strahlend weiß, grau und orange mit dunklen Streifen wurden sie vom Wind davongeweht wie zartes Himmelsgespinst.
Trotz der unheimlichen Aura des Hotels, trotz des kalten Sturms, der verlorene Schneekörnchen über den hart gefrorenen Boden wirbelte – und mir in den Mantel sauste, sodass ich erbärmlich fror – trotzdem … ja, trotz allem! Ich verliebte mich augenblicklich in das Stella Maris.

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