Dienstag, 24. Februar 2015

Perspektiven

Früher schrieb ich fröhlich meine Geschichten, bis mir jemand Berufenes sagte, dass bei mir alle Perspektiven durcheinander purzeln.
Ups? Worum geht es?, dachte ich. Es war doch alles wunderbar ... bunt.


Was ist eine Perspektive? Klar, die persönliche Sicht, aus der ein Roman erzählt wird. In der Ich-Form ist es ganz einfach, da erzählt der Prota oder die Protine genau all das, was er/sie sehen, hören, fühlen, schmecken und so weiter kann.
Ich mag Ich-Geschichten, aber sie haben oft ein Problem, wenn man etwas mitteilen will, das das Ich nicht mitbekommt. Vor lauter Ich sieht man das große Ganze dahinter manchmal kaum.


(Auch) darum werden die meisten Romane in der dritten Person erzählt: Er und Sie. Das geht wunderbar personalisiert, schildert man eben einfach alles, was Er oder Sie sehen, hören, fühlen, schmecken und so weiter kann.


Halt. 
Wo ist da der Unterschied und Vorteil gegenüber der Ich-Form? Wieder habe ich nur einen sehr begrenzten Ausschnitt dessen, was zu erzählen wäre.
Genau darum habe ich wohl in meinen Anfangsjahren fröhlich die Perspektiven gemixt.
Ein Beispiel gefällig?


Protine des Romans ist Maibritt. Soeben hat der Staatsanwalt sie zum Schauplatz eines Mordes gebracht und sie musste das Opfer sehen:

Der Beamte hinter Maibritt fing sie auf, bevor sie ohnmächtig zusammensackte. Man brachte sie an Deck, fächelte ihr Luft zu, redete auf sie ein, aber Maibritt konnte nur denken: ‚Es ist nicht Sven!’
„Es geht schon wieder. Ich brauche keinen Arzt. Danke. Ich ... das war einfach etwas viel. Verzeihung.“
„Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. So ein Anblick kann jeden umhauen. Ich bin jetzt seit zwanzig Jahren bei der Polizei, aber so etwas habe ich auch noch nie gesehen“, versicherte der Beamte mitfühlend. Die junge Referendarin war so blass, dass er besorgt nach Wasser verlangte.
„Bringen Sie Frau Mommsen am besten an Land, Herr Lausen“, verlangte der Staatsanwalt. Er hatte jetzt keine Zeit, sich um die Zimperlichkeiten von Anfängerinnen zu kümmern. Energisch wiegelte er Maibritts Versuch ab, ihm etwas mitzuteilen. Ihre oberschlauen Theorien konnte sie sich für später aufbewahren.


Alles klar?
Wir haben Maibritt, den Beamten Lausen und Staatsanwalt Franzen. Und wir erfahren von allen dreien, was sie denken und fühlen.
Zur besseren Übersicht derselbe Text nochmal farbig in die drei Perspektiven unterteilt:

Der Beamte hinter Maibritt fing sie auf, bevor sie ohnmächtig zusammensackte. Man brachte sie an Deck, fächelte ihr Luft zu, redete auf sie ein, aber Maibritt konnte nur denken: ‚Es ist nicht Sven!’
„Es geht schon wieder. Ich brauche keinen Arzt. Danke. Ich ... das war einfach etwas viel. Verzeihung.“
„Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. So ein Anblick kann jeden umhauen. Ich bin jetzt seit zwanzig Jahren bei der Polizei, aber so etwas habe ich auch noch nie gesehen“, versicherte der Beamte mitfühlend. Die junge Referendarin war so blass, dass er besorgt nach Wasser verlangte.
„Bringen Sie Frau Mommsen am besten an Land, Herr Lausen“, verlangte der Staatsanwalt. Er hatte jetzt keine Zeit, sich um die Zimperlichkeiten von Anfängerinnen zu kümmern. Energisch wiegelte er Maibritts Versuch ab, ihm etwas mitzuteilen. Ihre oberschlauen Theorien konnte sie sich für später aufbewahren.



Eines Tages kam nun 'Oberschlau' zu mir und sagte mir: So geht das gar nicht. Du musst trennen. Jede Perspektive benötigt eine eigene Szene - also mindestens das, was an Text zwischen zwei Leerzeilen steht, gerne auch kapitelweise getrennt. Anderenfalls wäre der Leser irritiert und habe Schwierigkeiten, sich in die Hauptperson reinzufühlen.
Das leuchtete mir ein. Inzwischen beherzige ich die Trennungsperspektive, etwa in meinem Zündstoff-Roman.


Für euch habe ich mal die Maibritt-Textpassage umformuliert, wofür ich ein paar Details aus dem Folgeabsatz schon in Absatz 3 integrieren musste.
 Merkt ihr? Jetzt stecken wir die ganze Zeit über in Maibritts Kopf.

Der Beamte hinter Maibritt fing sie auf, bevor sie ohnmächtig zusammensackte. Man brachte sie an Deck, fächelte ihr Luft zu, redete auf sie ein, aber Maibritt konnte nur denken: ‚Es ist nicht Sven!’
„Es geht schon wieder. Ich brauche keinen Arzt. Danke. Ich … das war einfach etwas viel. Verzeihung.“
„Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. So ein Anblick kann jeden umhauen. Ich bin jetzt seit zwanzig Jahren bei der Polizei, aber so etwas habe ich auch noch nie gesehen“, versicherte der Beamte mitfühlend und rief einem Kollegen zu: „Hol bitte ein Glas Wasser für die Referendarin. Sie ist blass wie eine Leiche.“
„Bringen Sie Frau Mommsen am besten an Land, Herr Lausen“, verlangte Franzen in einem Tonfall, der besagte, dass er absolut keine Zeit hatte, sich um die Zimperlichkeiten von Anfängerinnen zu kümmern. Energisch wiegelte er Maibritts Versuch ab, ihm ihr Wissen über die Schandy Lee zu offenbaren. Fehlte nur noch eine Bemerkung wie: Bewahren Sie sich Ihre oberschlauen Theorien für später auf. Gekränkt und verstört wandte sich Maibritt ab und folgte Lausen, ohne Franzen weiter zu bedrängen.


Welche Version ist nun besser oder gar korrekt?

Für mich selbst habe ich im Laufe der Jahre herausgefunden, dass ich meistens die Perspektiven lieber trenne, also pro Szene im Kopf EINER Person bleibe.
Es gibt aber Ausnahmen, zum Beispiel, wenn Er und Sie gleichwertige Hauptpersonen sind, oder wenn ein Dritter gewissernmaßen das Verhalten der Hauptfiguren kommentiert. Solche Passagen haben für mich genug 'Witz', um den Perspektivmix zu favorisieren. 



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