Sonntag, 2. November 2014

Was haben Brücken mit der Sonntagsarbeit von Autoren zu tun?

Wie stellt ihr euch das Autorenleben vor?
Der Schriftsteller sitzt von der Muse geküsst in seiner Kemenate, und die Gedanken fließen wie ein wilder Strom aus Leidenschaft aufs Papier ... in den PC, wir sind schließlich modern?
JAAAAAAAAAAAAAAAAAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa........................!!



Das sind die Phasen, die wir wirklich genießen.
Leider gehört zum Autorendasein auch eine weniger kreative Zeit, eine, in der man zum Erbsenzähler wird und jedes Wort auf die Goldwaage legt - übrigens ein Spruch, den schon Martin Luther benutzte.

Es geht ums Überarbeiten.



Da sitzt man dann am PC und ... stöhnt.
Was habe ich bloß wieder holperig fabuliert? Weia, das von mir?
Und das führt mich zu den Brücken, deren Bilder diesen Post auflockern sollen, weil es nämlich echt um drögen Autorenkrams geht.



Brücken als Wörter, das sind für mich diese kleinen Unscheinbarkeiten, die einen Absatz zum Fließen bringen.



Ich werde euch das an einem Beispiel verdeutlichen - das erfordert von euch aber, dass ihr viermal denselben Text lest, jedesmal ca. 100 Wörter. Ich hoffe, die Muße habt ihr.



Also los:

Der Hund spürte ihren Ernst. Er hielt sich dicht an ihrer Seite. Eine Leine wäre überflüssig gewesen. Ivola stoppte im Schilf. Der Fluss hatte sich in mehrere Arme aufgefächert. Ivola war über zwei winzige Brücken balanciert. Deren schwarz aufgequollene Planken ragten kaum aus dem Wasser. Es gab keine Geländer. Auf beiden Seiten dampfte dicker, dunkler Morast. Dahinter wirbelte das Schilf in den heftiger werdenden Böen. Unvermittelt peitschten Regentropfen zur Erde. Tabu schüttelte sich. Er wollte umkehren. Ivola zog ihn zu einer unzählige Male gestutzten Korbweide. Deren unterer Stamm bot ein gutes Versteck. Der Stamm war dick und aufgerissen.

Merkt ihr was? Man liest ... und es stockt. Das sind Hauptsatzreihen. Ein Satz schließt sich übergangslos an den vorigen an. So recht will kein Flair entstehen.

Was also tun?
Brücken schlagen!



Hier mal eine Variante:

Der Hund spürte ihren Ernst und hielt sich dicht an ihrer Seite. Eine Leine wäre überflüssig gewesen. Ivola stoppte im Schilf. Der Fluss hatte sich in mehrere Arme aufgefächert, und Ivola war über zwei winzige Brücken balanciert. Deren schwarz aufgequollene Planken ragten kaum aus dem Wasser, und es gab keine Geländer. Auf beiden Seiten dampfte dicker, dunkler Morast, und dahinter wirbelte das Schilf in den heftiger werdenden Böen. Unvermittelt peitschten Regentropfen zur Erde, und Tabu schüttelte sich. Er wollte umkehren, und Ivola zog ihn zu einer unzählige Male gestutzten Korbweide. Deren unterer Stamm bot ein gutes Versteck, und der Stamm war dick und aufgerissen.

Wie ist das? Ich habe je zwei Sätze stereotyp mit UND verbunden. In diese Gefahr gerate ich ganz schnell; auch bei anderen Autoren fällt mir das oft auf. Es 'untet'.
Suboptimal.



Darum die nächste Variante mit anderen Brücken:

Der Hund spürte ihren Ernst, deshalb hielt er sich dicht an ihrer Seite. Eine Leine wäre überflüssig gewesen, bis zu dem Moment, als Ivola im Schilf stoppte. Der Fluss hatte sich in mehrere Arme aufgefächert, darum war Ivola über zwei winzige Brücken balanciert. Deren schwarz aufgequollene Planken ragten kaum aus dem Wasser, auch gab es keine Geländer. Auf beiden Seiten dampfte dicker, dunkler Morast, während dahinter das Schilf in den heftiger werdenden Böen wirbelte. Unvermittelt peitschten Regentropfen zur Erde, darum schüttelte sich Tabu. Er wollte umkehren, weshalb ihn Ivola zu einer unzählige Male gestutzten Korbweide zog. Deren unterer Stamm bot ein gutes Versteck, weil der Stamm dick und aufgerissen war.

Wie gefällt es euch jetzt?
Hmmm ... statt UND jetzt eben DARUM und WEIL sowie weitere Brückenwörter. Im Deutschunterricht habt ihr die als Konjunktionen kennengelernt, das war nicht unbedingt das spannendste Thema ;).
Brücken klingt viel besser, oder?



Schließlich noch eine vierte Version, diesmal habe ich alle Möglichkeiten gemischt, Wörter umgestellt - und habe endlich die Ausgangsbasis für meinen Text, an der ich nun noch feilen kann, bis ich die Geduld verliere.

Der Hund spürte ihren Ernst, darum hielt er sich dicht an ihrer Seite. Eine Leine wäre überflüssig gewesen bis zu dem Moment, an dem Ivola im Schilf stoppte. Der Fluss hatte sich in mehrere Arme aufgefächert, und Ivola war über zwei winzige Brücken balanciert, deren schwarz aufgequollene Planken kaum aus dem Wasser ragten. Geländer gab es keine. Auf beiden Seiten dampfte dicker, dunkler Morast, dahinter wirbelte das Schilf in den heftiger werdenden Böen. Unvermittelt peitschten Regentropfen zur Erde. Tabu schüttelte sich und wollte umkehren, aber Ivola zog ihn zu einer unzählige Male gestutzten Korbweide, denn ihr unterer Stamm bot – dick und halb aufgerissen – ein gutes Versteck.


Ihr seht, Autorendasein ist manchmal ganz schön kniffelig.
Aber was tun wir nicht alles, um unserer Fantasie Leben einzuhauchen.
Habt einen schönen Sonntag. Ich jongliere mit Brücken.


Eure Gea




Kommentare:

  1. Ich glaube, Schreiben ist eine Berufung und es muss in die Wiege gelegt worden sein. Genau wie bei Dir, liebe Gea! Brücken suchende Grüße, Nicole

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  2. Schreiben ist nicht so mein Ding- aber toll wenn man sowas kann!
    GLG
    Elma

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  3. Moin Gea,
    sehr interessant ist dieser Post :-))) Nun gut,
    wie stelle ich mir das Autorenleben vor ?! Ich
    sehe einen äußerst intelligent wirkenden, Bleistift
    kauenden, Tee trinkenden Menschen vor mir :-)))
    ständig am grübeln, sich eifrig Notizen machen und
    all das natürlich in einem uralten riesengroßen Haus
    am See, fernab der Zivilisation ;-))) Ich weiß, ich habe
    eine blühende Fantasie, aber Du hast ja danach gefragt :-)
    Hab einen gemütlichen Abend.
    Liebe Grüße
    Christina

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