Mittwoch, 29. Oktober 2014

mittwochs mag ich ... Prologe

Manche Romane haben einen Prolog, weil es etwas zu erzählen gibt, das nicht ganz zum Rest passt, das aber wichtig ist und gewissermaßen ein Teaser.
In meinem Roman 'Der Flug des Schneekranichs' gibt es solch einen Prolog, und den könnt ihr hier heute anlässlich von Frollein Pfaus mmi lesen.



Ich habe ihn mit ein paar Bildern ausgestattet. Die Szene spielt in einer fiktiven Stadt, und so stammen die Fotos von diversen Orten, aber sie geben einen kleinen Bildereindruck zum Geschehen.

Viel Spaß beim Lesen.


Sie hatten ihn zum Bauernopfer auserkoren, doch das wusste er nicht.
Er rannte über die Kreuzung, ohne auf eine ältliche Radfahrerin zu achten. Beinahe wäre die Frau gestürzt. Ihr Mund klappte auf, da begegneten ihre Augen den seinen. Das Grau seiner Iris schien wie Feuer zu brennen, und sie zuckte zurück. Schaudernd ergriff sie die Flucht. Mochten die Freundinnen vom Bridgeabend auch lächeln, sie wusste, dass der Teufel in die Stadt gekommen war!
Der junge Mann hatte die Alte vergessen, noch ehe er die andere Seite der Straße erreichte. In seinem Kopf waberten Bilder dahingemetzelter Leiber. Menschen, die sich am Boden krümmten und um Erlösung bettelten. Er würde sie ihnen bringen.
Das Hämmern in seinem Schädel schwand. Nur zackelnde, rote Linien vor seinem inneren Auge blieben. Blutende Ströme?



Hass!
Wieder stieß er mit einem Passanten zusammen. Diesmal war es ein Fabrikarbeiter um die fünfzig. Der ließ sich von dem Unbekannten nicht einschüchtern und rammte ihm seinen Ellenbogen zwischen die Rippen.
Die Attacke riss den Jüngeren in die Gegenwart. Er sah dem Arbeiter ins Gesicht. Dessen Haut schimmerte bleich in der Mittagssonne dieses Vorfrühlingstages. Milchig, weiß, unschuldig. Aber der Passant war nicht unschuldig. Er war der Feind. Das Ziel, das es auszurotten galt!
„Hirsch, du dammischer! Kannst net aufpassen?“, raunzte der Arbeiter.
Der Mund des Jüngeren verzog sich zu einer Grimasse, als er ,Bläh dich ab’ dachte. ,Deine Stunden sind gezählt.’ Genau diese Kerle hatte er gefressen! Die hatten Es verdient! Dieser Typ genauso wie die dummdreisten Jugendlichen, die vor dem Kiosk dort drüben lungerten, anstatt die Schulbank zu drücken. Die würden keine Kinder mehr in die Welt setzen. Für sie würde das Leben in Kürze enden!
Wärmend spürte er das Gewicht seines Rucksacks und staunte, weil er trotzdem fror. Dabei war dieser Märztag ungewöhnlich mild. Kein Wetter zum Sterben.



Erste Narzissen reckten ihre Köpfe aus dem Grün der Parkanlagen; Frauen reckten sich aus den Fenstern, um ihre Staubtücher auszuschütteln. Frühlingsputz. Ostern, das Fest der Auferstehung, war nicht mehr weit. An einem Brunnen leuchteten bunte Eier. Kleine Kinder hatten sie am Schmiedeeisen über dem Mauerkranz festgebunden. Behütete Kinderchen in kuscheligen Jacken. Rotwangig, lärmend, übermütig. Die Erzieherin schmunz­elte über ihre Schützlinge.
Das Gesicht des Mannes verkrampfte sich. Diese Kinder hatten alles. Andere hatten nichts. Nichts, außer Elend und den Tod vor Augen. Aber diese Kinderchen würden auch sterben, sie wussten es nur noch nicht. Genauso wenig wie der bornierte Mistkerl, der es gewagt hatte, ihn beiseite zu stoßen, als wäre er ein Niemand. Auch deshalb würde er es allen zeigen! Sein Auftrag war perfekt, und er wuchs vor Stolz, als er sich vorstellte, wie er anschließend jedes Detail schilderte.
Sie hatten ihn erwählt. Ihn, niemanden sonst! Sie vertrauten ihm. Sie wussten, dass er perfekt funktionierte, perfekt wie der Plan. Bald würde die Welt es begreifen. Nichts würde mehr so sein wie früher. Elend, Blut, zerstörte Männer, Frauen, Kinder … freudig beschleunigte sich sein Schritt. Der Hass trieb ihn vorwärts, seinem Schicksal entgegen.



Sie keuchte verzweifelt. Von Seitenstichen geplagt musste sie stoppen und beugte sich vor, um sich auf den Knien abzustützen. Der Kloß im Hals nahm ihr den Atem.
Wo war der Mann? Wie ein Kreisel drehte sie sich auf der Stelle. Die Kreuzung bot einen weiten Blick in alle vier Himmelsrichtungen. Süddeutsche Gemütlichkeit. Gepflegte Gassen zwischen alten Häusern, pastellfarben gestrichen. Sie reihten sich dicht aneinander, denn die Innenstadt war nicht fern. Dorthin würde er laufen. Ins Zentrum.
Sie rannte weiter, vorbei an der Parkanlage und der Kindergärtnerin mit ihren Schützlingen. Jetzt sangen sie ein Lied. „Immer wieder kommt ein neuer Frühling …“



Sie schluchzte, trotz allem dankbar, dass die Kinder nichts wussten von dieser Welt. So ahnten sie auch nicht, in welcher Gefahr sie schwebten. Vielleicht kam für sie kein neuer Frühling mehr. Sie rannte schneller. Ihre Seitenstiche waren vergessen, denn sie hatte den Mann entdeckt. Ihn, den sie meinte, gekannt zu haben. Der ihr vertraut geworden war. Sie wollte es nicht begreifen. ,Warum?’, pochte es in ihrem Kopf.
Die Antworten hatte sie gehört, verstanden hatte sie trotzdem nichts. Umsonst war ihr Flehen gewesen. Er würde auch sie opfern, enttäuscht und ohne Erbarmen. Hatte er sie je geliebt? Waren seine Gefühle in Hass umgeschlagen? ,Nein’, gestand sie sich ein. ,Er hat weder mich noch die Menschheit geliebt. Er kennt nur Hass und Rache. Verstiegene Ideale für ein falsches Ziel.’
Tränen rannen über ihre Wangen. Warum nur war es soweit gekommen? Wie viel Schuld hatte sie selbst auf sich geladen? Wofür das alles? Sie musste ihn aufhalten. Sie wollte ihn retten – und vielleicht wollte sie auch sich selbst retten.
In ihrem Kopf war dumpfe Entschlossenheit. So vehement, wie er sein Ziel verfolgte, so wild folgte sie ihm. Vorbei an den ersten Läden. Der Verkehr wurde dichter, parkende Autos versperrten ihr die Sicht. Da drüben lief er, leicht vorgeneigt, weil der Rucksack schwer war. Jetzt erreichte er die tulpengeschmückte Absperrung zur Fußgängerzone. Er nahm die Last von seinen Schultern. Sie wollte schreien. Nein! Ein Ächzen erstarb auf ihren Lippen.



Mit quietschenden Reifen scherte ein Auto aus einer Parklücke. Es war ein unscheinbarer Golf, Dutzendware, von niemandem beachtet. Nicht einmal die Protestgeräusche der Räder weckten das Interesse der Passanten. Sie scharten sich um einen Straßenverkäufer, der Primeln zum Sonderpreis anbot.
Sie aber begriff augenblicklich, was dort geschehen würde. Bereits geschah!
Der Mann wusste es auch. Er schleuderte herum, das Gesicht zur Unkenntlichkeit verzerrt.
Sie war mittlerweile so nah, dass sie seine schönen, grauen Augen sehen konnte. Die Hölle flackerte in ihnen. Er wollte nicht aufgeben, dennoch war er verloren. Sie konnte ihn nicht retten. Ein einzelner, lautloser Schuss tötete ihn.
Sie erstarrte mitten in der Bewegung.
Vorbei.

Vorbei? Natürlich nicht, das Abenteuer beginnt ja erst...

Übrigens hat der Roman auch einen Epilog, aber das ist eine andere Geschichte ;)

Kommentare:

  1. So spannend und ich kann den Leser und Leserinnen hier gerne verraten, dass es mindestens so spannend weitergeht! Unbedingt lesen, lautet daher meine Empfehlung.
    Hey, Gea, die Bilder passen super dazu. Eine geniale Idee den Prolog hier zu posten.
    En liebe Gruess
    Alex

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  2. Moin Gea,
    oh ja, das Abenteuer beginnt erst ;-) Die Bilder passen
    perfekt zu dem Prolog, besser hätte man es nicht machen
    können.Zu gerne würde ich ja Ivola`s Abenteuer mal als
    Film sehen :-) Hab einen schönen Tag.
    Liebe Grüße
    Christina

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    1. Moin Christina,
      ja, Ivolas Abenteuer als Film, das wäre was ... als ich es schrieb, hatte ich auch eine 'Schauspielerin' vor Augen, die perfekt gepasst hätte - eine junge Frau mit herrlich roten Korkenzieherwirbellocken und total sympathischem Lachen aus einem Werbespot.
      LG
      Gea

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